Kunstraum für eine Künstlerin

Frida – viva la vida. Klaus Hellenstein, Simon Engeli, Leopold Huber und
Astrid Keller vom See-Burgtheater stellen das Bühnenbild vor. (Bild:
Reto Martin)
Was haben Frida Kahlo und Tom Waits gemeinsam? Nichts, ausser dass sie
als Künstler faszinieren – und dass sie dieses Jahr im See-Burgtheater
lebendig werden in einem Ein-Frau-Stück und mit dem Kultmusical «The
Black Rider».
DIETER LANGHART
KREUZLINGEN. Ein Schussloch durchbohrt das Bild auf dem Prospekt zu «The
Black Rider». Denn die Försterstochter Käthchen und der Schreiber
Wilhelm lieben sich, ihr Vater aber wünscht sich einen Mann wie Robert,
der schiessen kann. Wilhelm kann nicht schiessen. Da kommt ein Fremder
daher und will ihm helfen. Das hat seinen Preis: die letzte Kugel wird
Stelzfuss lenken.
Astrid Keller spielt Käthchens Mutter, und sie spielt die Hauptrolle im
Stück «Frida Kahlo – viva la vida», das Leopold Huber geschrieben hat.
Zusammen leiten sie das See-Burgtheater und haben zwei Stücke aufs neue
Programm gesetzt, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
«Kahlo war eine Dichterin»
Als Huber das erste Mal ein Bild von Frida Kahlo sah, hat es ihn
umgehauen. Über die deutsch-mexikanische Malerin gibt es genügend Filme
und Theaterstücke, aber noch hat sich niemand mit Kahlos Sprache
beschäftigt. Sie erschliesst sich in ihrem Tagebuch, das sie in ihren
letzten Lebensjahren geführt hat und das erst kürzlich herausgegeben
worden ist. «Die Frau war eine Dichterin», sagt Huber, «ihre Sprache ist
so faszinierend wie ihre Bilder.»
Er hat ein Einfraustück über Frida Kahlo geschrieben. Regie führt Simon
Engeli, der sein erstes Engagement nach der Ausbildung bei Dimitri am
See-Burgtheater hatte: 2005 in «Romeo und Julia». Das Stück über Frida
Kahlo habe Zug, Komik und einen perfekten Rhythmus, sagt der
Schauspieler.
Um den Schmerz und die Liebe geht es Huber, um das Tragische und das
Komische: «Frida und ihr Mann Diego Rivera konnten nicht ohne einander
und sie konnten nicht miteinander.» Und weil es im Stück auch um die
Kunst und das Leben geht, arbeitet das Theater mit dem Kunstraum
Kreuzlingen zusammen, wie bereits 2009 für «Land ohne Worte». Huber:
«Für eine Künstlerin braucht es einen Kunstraum, einen künstlichen
Raum.» Klaus Hellenstein hat die Bühne entworfen aus blauen Leinwänden,
die Projektionsflächen sein und zugleich ein Labyrinth bilden werden.
Astrid Keller fragt sich, was Frida Kahlo wichtiger gewesen sei: die
Kunst oder sie selber. Denn die Künstlerin war eine Ikone, ein Mythos –
und den will Huber aufblättern, «um zum Kern dieses Menschen zu
gelangen». Astrid Keller ist gespannt, wie «Bewegungsspieler» Simon
Engeli mit ihr arbeiten wird. «Warum tanzen alle Frida – sie konnte sich
nach dem Unfall und den Operationen doch gar nicht bewegen», sagt sie.
Tom Waits: Idyllisch-schauerlich
«Wie gemacht für den Seeburgpark» findet Leopold Huber das Musical «The
Black Rider». Ihn hat der Freischütz-Stoff seit jeher interessiert, auf
dem die Handlung fusst, und er ist Tom-Waits-Fan der ersten Stunde.
Waits hat sein Musikstück zusammen mit William S. Burroughs und Robert
Wilson als Heldengeschichte geschrieben, die die Fassaden der
bürgerlichen Welt demontiert. Huber zur Figur des unglücklichen Wilhelm
und zum Tod seiner Geliebten: «Der Leistungsdruck passt auf unsere Zeit:
Man zerstört, was man haben möchte.»
Auch hier hat Klaus Hellenstein (der die Uraufführung 1990 am
Thalia-Theater Hamburg gesehen hat) die Bühne entworfen: ein in den Wald
gepflanztes Wohnzimmer, idyllisch und schauerlich. Und damit Regisseur
Huber den Stoff als Musiktheater abstrahieren kann, lehne er sich
stilistisch an deutsche Stummfilme an. Auf der Bühne stehen neben Astrid
Keller unter anderem Giuseppe Spina, Lotti Happle und Erich Hufschmid.
Wo die Live-Band um Volker Zöbelin Tom Waits' Musik spielt? In einem
aufgeschnittenen Wohnwagen.
Frida – viva la vida: 3.5.–2.6. im Kunstraum Kreuzlingen. The Black
Rider: 19.7.–18.8. auf der Seeburgpark-Bühne. www.see-burgtheater.ch
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