Südkurier vom 24.07.2010 von Maria Schorpp
Teufel von Gottes Gnaden
„Die schwarze Spinne“ des See-Burgtheaters krabbelt derzeit durchs
Kreuzlinger Maisfeld
Hier trägt der Teufel rot. Manchmal sieht er auch rot. Wenn das Wort
„Himmel“ fällt oder wenn ihm wieder eine unschuldige Seele durch die
Lappen gegangen ist. Dann krümmt er sich zusammen vor Schmerz, und Laute
steigen in Astrid Keller auf, die nicht von dieser Welt sind. In der
gesitteten Wohlstandswelt, in der die Menschen gut genährt und gekleidet
ihre Kinder per Taufe dem Guten überantworten, sind sie kaum zu
vernehmen. Bekanntlich aber gibt es kein richtiges Leben im falschen.
Falsch sind in Jeremias Gotthelfs Geschichte „Die schwarze Spinne“
zunächst einmal die Machtverhältnisse. Hier der skrupellose Ausbeuter
Hans von Stoffeln, dort das wehrlose Volk. Der pure Sadismus scheint ihn
dazu getrieben zu haben, den Menschen die unbezwingbare Last
aufzutragen, in einem Monat hundert ausgewachsene Buchen
herbeizuschaffen und vor seinem Schloss zu pflanzen. In der
Sommertheater-Inszenierung des See-Burgtheaters wird das
Opfer-Täter-Schema radikal aufgebrochen. Christian Intorps Wüterich, der
im römischen Streitwagen auf das Bühnenrund im Maisfeld rauscht, ist ein
Getriebener – wie seine Opfer.
Einen kleinen Circus Maximus hat Leopold
Huber von Peter Affentranger herstellen lassen, in dem das Publikum sich
ergötzen kann an seiner eigenen Lust an der Grausamkeit. Zwei ragen aus
diesem gewollten Täter-Opfer-Kuddelmuddel heraus: der Pfarrer zum einen,
bei Erich Hufschmid wie ein agiler Fernsehpfaffe, der den Heutigen die
erbaulich mahnende Geschichte von der Spinnen-Plage erzählt, die einst
über die Menschen gekommen ist. Der Teufel zum anderen. Grün wie bei
Gotthelf ist bei Astrid Keller nur die vergiftete Zunge. Sie trägt
dieses verteufelte Rot – Zylinder, Frack, Hose aus rot glimmender
Gummihaut. Ein kleiner Schmierenteufel von Gottes Gnaden. Die beiden
großen Komödianten führen hier nicht umsonst gemeinsam durchs Programm.
Da ist also die geplagte Gemeinde, die sich in ihrer Not dem Satan
ausliefert, der für seine Hilfe ein ungetauftes Kind verlangt. Dieser
ungeheuerlichen Geschichte gemäß fährt das Theater neben der Seeburg in
Kreuzlingen wieder einmal alles auf, was es (auch) berühmt gemacht hat:
Zwei- und Vierrad knattern über den mit Holzspänen bedeckten
Bühnenboden, ein leibhaftiger Hund bellt, ein Chor aus Laienspielern
gibt das Volk, das Dusa Orchester liefert die schaurig befremdliche
Tonkulisse aus Kuhglocken und Balkansound. Vor allem aber eine eigene,
raffiniert zeitunabhängige dramatische Sicht auf die Novelle des
Schweizer Schriftstellers.
Zu Christine: Bei Ingrid Lang ist die Ausländerin, die sich gegen die
herrschenden Verhältnisse auflehnt und dabei selbst zur Überbringerin
der Spinnenplage wird, ein Opferlamm von biblischer Unschuld. Diese
Urgestalt ist bei der Schauspielerin in sehr guten Händen, sie macht
statt einer großen eine menschliche Sache aus ihr. Dazu der besondere
Humor des Regisseurs, der im Maisfeld einen wahren Sündenbock ans Kreuz
nageln lässt. Dass nach der Pause die Vorstellung an einigen Stellen
etwas zerfällt, lag bei der Premiere nicht am fast pausenlosen Regen,
dem das gesamte Ensemble widerstand, sondern an etwas zu vielen Ideen.
Was nur am Rande die Freude über dieses leidenschaftliche
Freilufttheater schmälern kann. |