Regie
Simon Engeli
Geboren 1978, aufgewachsen in Romanshorn. Ausbildung an der Scuola Teatro Dimitri. Seit über 20 Jahren als Schauspieler, Regisseur und Theaterautor tätig. Zahlreiche Tourneen und Gastspiele mit eigenen Inszenierungen, Gast-Engagements an Theatern in der Schweiz und Deutschland.
Mit der Puppenspielerin Rahel Wohlgensinger leitet er die Theatertruppe «Puppenspiel.ch». In dieser Formation entstehen seit 2004 Stücke – häufig für Kinder und Familien – die Figurentheater und Schauspiel verbinden. Er ist Gründungs- und Teammitglied der Theaterwerkstatt Gleis 5.
Von 2016 bis 2021 ist er im Ensemble bei «Karl´s kühne Gassenschau» engagiert. In der Irish Folk Band «A Little Green» spielt er Geige und Schlagzeug.
Seit 2025 leitet er zusammen mit Rahel Wohlgensinger und Giuseppe Spina das See-Burgtheater Kreuzlingen. Er lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Kreuzlingen.
Interview mit Simon Engeli
«Die Legende von Anne Bonny» ist wieder ein Stück geworden, das verschiedene Stilmittel verbindet: Theater, Musik, Artistik, Puppenspiel, Effekte. Was gefällt dir an dieser Vielfalt?
Theater ist per Definition eine interdisziplinäre Kunstform: Selbst die Schauspielerin, die einen Monolog im Kleintheater aufführt, braucht neben ihrer Schauspielkunst wenigstens einen Text, ein Kostüm, vielleicht einen Stuhl und einen Scheinwerfer, der sie beleuchtet. Dass im Theater all diese Ebenen – Sprache, Bewegung, Musik, aber eben auch Ausstattung, Bühnenbild und Technik – zu einem Ganzen zusammengeführt werden können und dass es dafür eine Komplizenschaft aller beteiligten Spezialisten benötigt, das ist für mich das eigentlich Faszinierende an unserem Beruf.
Bei einer neuen Open Air-Produktion stellen wir uns früh die Frage, was der Spielort gegenüber einer Indoor-Inszenierung für zusätzliche Möglichkeiten bietet. Im Falle von «Anne Bonny» tauchte bald das Bild eines bespielbaren Schiffsmastes auf; daraus entstand die Idee, Luftartistik als theatrales Element zu verwenden.
Solche Prozesse laufen nie ganz gradlinig ab, manchmal müssen Vorstellungen der Realität angepasst werden. Unser kleines Schiffchen mit dem brennenden Segel zum Beispiel sollte ursprünglich auf dem Bodensee vorbeischwimmen. Durch den ungewöhnlich tiefen Wasserstand und die schwierigen Sichtlinien haben wir uns entschlossen, den Effekt vor dem Bühnenbild zu zeigen. Das Bötchen hat jetzt Räder und wird für alle sichtbar an einem Seil gezogen. Dadurch entsteht ein fast schon komischer Charme, den ich so nicht geplant hatte.
Ideen, Einfälle und sprudelnde Fantasie sind schön und gut. Das eigentliche Handwerk unserer Truppe besteht dann allerdings darin, in kurzer Zeit und auf einen festgelegten Zeitpunkt hin, eine wiederholbare, sichere und kurzweilige Show zu gestalten. Ein Spannungsfeld von Kreativität und Pragmatismus, das uns manchmal einschränkt, aber letztlich auch dafür sorgt, dass eine Arbeit irgendwann fertig wird.
Du wusstest bis vor einem knappen Jahr so gut wie nichts über Anne Bonny, nun hast du dich die letzten Monate intensiv mit ihr beschäftigt. Wie war die Begegnung mit dieser besonderen Frauenfigur?
Starke Frauenfiguren sind in der klassischen (Theater-)Literatur dünn gesät. Als Theaterschaffende, die von der tausendfach wiederholten männlichen Heldenerzählung langsam etwas angeödet sind, müssen wir uns entweder auf zeitgenössische Stoffe konzentrieren oder wir besetzen Männerfiguren aus klassischen Geschichten mit Frauen. Vor diesem Hintergrund wirkt die historisch-fiktive Frauenfigur Anne Bonny wie ein Seufzer der Erleichterung. Endlich ein originales, weibliches Rollenmodell für Fans von Mantel- und Degengeschichten. Dabei ist die Faszination für Piratinnen beileibe nicht neu. Unsere Theaterfreunde Joe Fenner, Cornelia Montani und Paul Steinmann haben zum Beispiel mit «Tortuga» ihre eigene Version des Themas erfolgreich in den 90er-Jahren gespielt. Ein anderer Freund aus England hat mir ein Anne Bonny-Stück der Royal Shakespeare Company aus den 70er-Jahren zugeschickt. Und immer wieder sprechen uns Frauen an, die davon berichten, wie sie als Mädchen Jugendbücher über Anne Bonny verschlungen haben. Offenbar liess die Geschichte dieser unbeugsamen Frau etwas in ihnen anschwingen, das wie eine Ermutigung wirkte.
Zusammen mit meiner Co-Autorin und Partnerin Rahel Wohlgensinger haben wir dann reichlich Romane, Sachbücher und Theaterstücke über Anne Bonny und Mary Read gelesen. Dabei stach schnell ins Auge, dass mit einer ganzen Reihe dieser Bücher aus Männerhand letztlich vor allem Männerfantasien bedient werden. Anne Bonny als erotisches Lustobjekt (unfreiwillig komisch umgesetzt in einem Comic, in dem Anne als eine Art Exhibitionistin nichts lieber tut, als sich die Kleider vom Leib zu reissen).
Als Autoren, die einen jahrhundertealten Legendenstoff bearbeiten, haben wir das Privileg, unsere eigene Sichtweise und Gewichtung herausarbeiten zu dürfen. «Die Legende von Anne Bonny» ist für uns die Geschichte einer weiblichen Selbstermächtigung.
Als Eltern von drei jugendlichen Kindern erleben wir täglich, wie schwierig es auch heute noch ist, sich den stereotypen Rollenbildern, die an Mädchen und Jungen herangetragen werden, zu entziehen. Schein-Feminismus zu Marketingzwecken ist dabei ebensowenig hilfreich wie Macho-Fantasien aus der Manosphere.
Anne Bonny ist eine Frau, die sich in einer Zeit, die ihr Geschlecht in ein Korsett engster Regeln zwang, selbst ermächtigte und für kurze Zeit absolute Freiheit lebte. Diese simple Erzählung macht bei aller Leichtigkeit eines Sommertheaters, bei allem Kämpfen, Klettern, Singen und Lachen den Kern dieses Stückes aus. Und wenn sich die eine oder andere Frau, aber auch der eine oder andere Mann von ihrer Geschichte ein wenig ermutigen und inspirieren lässt, dann freut uns das sehr.
